Ausstellungsrundgang

Christa Jeitner begegnet in Bad Belzig Roger Loewig, dem Zeichner, Maler und Dichter, der 1971 von Ost- nach Westberlin übergesiedelt war. Bei Freunden in Belzig arbeitete er in den Jahren von 1964 bis 1971 und wiederum nach 1990 bis zu seinem Tod 1997. Das Haus der Freunde ist seit 2008 als „Roger Loewig Haus“ öffentlich zugänglich. Mit Christa Jeitner ist erstmals eine Künstlerin eingeladen, ihre Arbeit gemeinsam mit den dort ausgestellten Zeichnungen Roger Loewigs zu zeigen – ein sensibler Dialog, umso mehr, da die Protagonisten einander kannten und schätzten.

Felice Fey

Fundholz von r. l. ‒ zu seinen Zeichnungen

Fundholz von r. l. ‒
zu „Stacheldrahthände“, 1972

Holz und Muscheln – zu „Mondmuschel“, 1975

Fundholz von r. l. ‒ zu „Dunkellandtotentanz“

CHR „Vehikel mit Molle, vertäut“ · Werkstück 2012
· „Spaten, entledigt“, Werkstück 2012

„Briefe ihrer Schwester“ · Assemblage 2012

r. l. „Reppinichen“, 1997

Dem Müller, dem Mehl und dem Bäcker,
Assemblage 2012

Installation mit Eisenguss-Corpus,
Fundstück von r. l.

CHR Norwegischer Dachstein II · Assemblage 2013

Takelwerk – Windwerk – Findwerk

15.3.2014, Roger-Loewig-Haus Bad Belzig, Ausstellungseröffnung
Christa Jeitner: Bezeugte Wirklichkeit

(I ) TAKELWERK

Alte Taue, die vor Zeiten einmal zur See gefahren sind, liegen nun hier im Loewig-Haus auf dem Trockenen. Hanffasern sind in jedem einzelnen Tau verdrillt und Licht und Schatten. Die Taue bilden Ballungen und Wülste, Knoten und Knäuel, wirre Bündel und verwickelte Haufen – und werden auf zweierlei Weise entwickelt. Das Einzelne wird herausgelöst, zersplissen, aufgefasert, auseinandergelegt, Faserläufe werden staunend ertastet und vergrößernd nachgeschaffen. Das Viele wird als Körper verstanden, wird umknüpft, umhüllt, umbunden, neu zur Welt gebracht. Das alles für die Augen.

Und der Geruch! Plötzlich trägt mich dieser in die Kindheit zurück. Nein, nicht auf ein Segelschiff mit seiner Takelage – hier im Fläming wiegen sich ja nur Feldsteinkirchen wie Schiffe im weiten Roggenmeer – , sondern nach Niemegk in den klitzekleinen Laden des Seilers und Bürstenmachers. Garne für den Gartenbedarf, Schnüre, Seile, Taue, alles lag da in seinem charakteristischen Geruch, konnte befühlt und betastet werden … Die Seile mussten ja etwas halten, wenn auf dem Hundewagen ein hoch gewölbtes Fuder Heu zu transportieren war, frisch von der Kabel geholt und kreuzförmig über der Plane fixiert (für Ortsfremde: „Kabel“ o.a. „Kawel“ – kleines Wiesen- oder Gartenstück vor der Stadt). Das lederne Geschirr des Schäferhundes und der schräge Brustriemen für den mit ziehenden Hundeführer vom Sattler genäht, der mit seinen eisenbeschlagenen Rädern laut auf dem Kopfsteinpflaster polternde Wagen mit langer Deichsel, etwas wie ein übergroßer Handwagen, vom Stellmacher gefertigt, die Eisenbänder beim Schmied. Ging etwas kaputt, war einer da, der es heil machen konnte. Ja, all diese Handwerke gab es noch Anfang der sechziger Jahre in den stolzen alten Ackerbürgerstädtchen dieser Gegend, und noch viele Gewerke mehr. Erst als Erwachsene lernte ich verstehen, dass hier noch unmittelbar die mittelalterliche Stadtstruktur nachwirkte, welche eine Ansiedlung von Zünften nur innerhalb von Stadtmauern erlaubte, nicht etwa in den zahlreichen Dörfern im Umkreis.

Die meisten dieser jahrhundertealten Handwerke – innerhalb von zwei, drei Generationen eingegangen, verendet. Der Tod hat sie nicht ereilt, er kam schleichend, hier und da, aus diesem und jenem Grund, aber unerbittlich. Roger Loewig und Christa Jeitner leiden je auf eigene Weise daran, wollen sich nicht abfinden damit und treffen beim Mühlenhandwerk aufeinander, ohne das der Fläming nicht „Fläming“ wäre.

(II) WINDWERK

Loewig sieht die Gerippe der aufgelassenen Windmühlen, verfallende Wahrzeichen dieses von ihm geliebten Landstrichs. Flamen haben im 13. Jahrhundert die Technik, allein mit der Kraft des Windes Korn zu mahlen, hierher gebracht; vorher siedelten auf den trockenen Hochflächen der Heiden kaum Menschen, man war schließlich bis dahin an die Wasserkraft gebunden gewesen, und die ist rar im dann nach den Windmüllern so benannten „Fläming“. Loewig entdeckt diesen Fläming für sich, staunend, geduldig, ungeduldig, süchtig. Schon 1971 schreibt er:

„Ich überfliege Jahre, Jahre, die beste Ernte brachten, köstliche Früchte dem ungeduldigen und oft unwürdigen Sämann, Feldbesteller und Ernter.
Alles fiel ihm in den Schoß, der neue Freund, viele neue Freunde, der schönste Unterschlupf, viele schöne Verstecke, und ein Land, ein ganzes Land, das uralte, das eben erwachte, das immer wieder erwachende, mit Waldsäumen und Hügelketten, mit Dörfern und Dorfkirchen, (… ) mit Bussarden in der Luft und Maulwürfen unter der Erde, mit kaputten Windmühlen – welch geschäftiger Graus wären heile Windmühlen -, mit Birken-, Eichen-, Linden-, Kastanienalleen, mit Morgen-, Abend-, Nachthimmeln, mit Sommerwolken und Gewitterböen, mit blassem Frühlingsleuchten und vollen Herbstfarben, mit den Kohlezeichnungen des Winters auf weißem Leinen und schwarzen Rabensprenkeln im Schnee, mit den Musiken Bachs, Händels, Beethovens, mit den Gedichten Goethes, Hölderlins, Lenaus, und mit allem, allem, was unseren winzigen Daseinsaugenblick in Ewigkeit betört.“ 
(aus: Die Würfel sind gefallen, in: R.L., Unter den Häuten die Stadt, Berlin 2004, S. 137)

Ja, welch geschäftiger Graus wären da heile Mühlen, etwa die quietschende, kreischende elektrische Futtermühle im Belziger Mühlenhölzchen … Ganz anders da Reppinichen, zwei lautlose Mühlenruinen. Steht die eine davon in Loewigs später Zeichnung gar auf einem Totenkopf? Ich gestehe, mich getäuscht zu haben, das Blatt zeigt doch nur einen aufgerichteten Mühlstein, auf den sich der Mühlenkörper zu stützen scheint. Und ich bin erleichtert, solchen Totenschädelanblick nicht aushalten zu müssen. Unverkennbar aber das riesige, dunkle Kreuz, das die Mühlenflügel mahnend bilden. Memento mori, gedenke des Todes.

Ja, eines geschehenen, zu betrauernden Todes gedenkt Christa Jeitner mit ihrem Epitaph „Dem Müller, dem Mehl und dem Bäcker.“ Da liegen gefaltete Kornsäcke, hängt ein Mehlsack. Die beiden liegenden Relikte: Heftstiche hindern das Zur-Hand-Nehmen und Aufschütteln, ein Fadenkreuz macht das gefaltete Arbeitszeug zum Päckchen, anzuschauen oder wegzugeben, aber nicht aufzuschnüren, um es noch einmal zu benutzen. Der hängende leinene Mehlsack mit seinem gealterten Antlitz, in sich selbst schon Stückwerk, gewissenhaftes Flickwerk mit festen Nähten, das Licht macht die breiten Säume sichtbar … ach, der hätte sein Werk noch gemacht, aber nein – keine Mühlenflügel drehen sich mehr, also Schluss jetzt: Quer und doppelt näht Jeitner mit großen Stichen, keiner kann diesen Mehlsack noch befüllen, hier ist nichts mehr zuhanden, hier wird nur noch bewahrt. Und bezeugt. Im Bezeugen womöglich für andere erst ins Bewusstsein heben, dass da Kostbares hängt und liegt. Man reibt sich die Augen, entdeckt im eigentlich schon Weggeworfenen den einzelnen noch gesponnenen und verwobenen Faden, man nimmt Texturen, Farbschattierungen, Faltungen wahr, die entwaffnende Schönheit alter, auf das schlechthin Notwendige reduzierter Handwerksgegenstände in ihren stets dem menschlichen Zugreifen dienenden, kein menschliches Maß sprengenden Proportionen. Das alles jetzt aus seinem Sinn gefallen. Bloße Zeugenschaft macht uns immerhin zu Augenzeugen, wir sehen ein Epitaph. Und ahnen: Um heute Adäquates zu schaffen, brauchte ein Künstler die Unschuld eines Kindes …

Reppinichen. Noch steht das Mühlengerippe, erinnert an die Zeiten, da die Kräfte des Himmels und der Erde verwirbelt wurden beim klappernden Mahlen, in eins flossen im rieselnden Mehl. Der Wind treibt nun kein Mahlwerk mehr, er tut sein eigenes Werk, Windwerk: Er schleift mit Sand und Regen und Hagel die alten Bretter, die nun ihre widerständigen Jahresringe in welligen Dünungen zeigen, er rüttelt und biegt und bricht den Mühlen die Flügel. Jeitner sucht diesen Ort auf, berührt das ermüdete Holz, verbindet es, und zusammen mit Serjosha Karii wird gefilmt. Zerbrochenes Holz verbinden? – Ja, da wird geschient und umwickelt wie auf einer Krankenstation. Auch bei Geweben und Kacheln und zerspellten Spatengriffen geht Jeitner so vor, Löcher werden vorsichtig umstochen und gesichert, Risse wie Wunden genäht, es werden Kompressen aufgelegt, die dann Flickwerk werden, und Bandagen angelegt. Die alten Zeugen sollen geschützt werden, so gründlich, dass ein bröckelnder Lehmziegel in einem maßgefertigten Sackleinenfutteral sein neues Zuhause findet, und dann wird zugeknöpft.

(III) FINDWERK

Nicht das Mühlenhandwerksgedenken allein verbindet Jeitner und Loewig, noch auf andere Arten präsentieren sich beide als wesensverwandt. Eine davon ist die Weise zu sehen, aufzuheben und sammelnd zu kreieren, wo doch für andere Fußgänger auf dem Weg und am Strand nur etwas zum Stolpern liegt: Steine, Wurzeln, rostiges Zeug. Erneut soll Loewig zu Wort kommen zu dem, was Jeitner mit Hilfe von Wolfgang Woizick ans Licht gehoben hat aus alten Abstellräumen, in denen so manches Fundstück Loewigs lagerte:

„Gehölz, ausgewaschen, narbenbenagelt, äugig und schorflippig, Steine, oberflächengezeichnet, von Sturmbrandungen gesplittert, gemeißelt, geschliffen, Erdschichten, an den Tag gerissen und glutfarbig geworden, Gras, das wimpernfein sich unter den Saughänden der Insekten krümmt, das schon erkrankt bei leicht flackerndem Wind, das trotzig aufragt durch Frostnächte und Schnee; das alles borkt, wurzelt im Ödigen verrenkt und starr, das alles zerkrümelt und zerfasert, orakelt und stummspricht mit wirren, wüsten Zerritzungen, das alles wiegt und wispert, weht, endgültig jetzt noch einmal verwandelt von jetzt klügeren Fühlerfingern, die einst Fingerfühler waren und damals nur begriffen, die jetzt Begriffenes zurücklegen, umgewertet, zeichendeutig und zu Schriftzügen erfunden, die zwischenzeilig Wichtiges schweigen, zu Außenhüllen genäht, gestricht, gegittert, gekreuzt, die hindurchblickenlassen auf unendliche Heimatlosigkeit …“  (aus: Resümee 1968, in: R.L., Unter den Häuten die Stadt, Berlin 2004, S. 185).

Eine solche Heimatlosigkeit weht einen an aus vielen Blättern Loewigs, in denen Wurzelwesen ihr Unwesen und ihr Wesen treiben. Plötzlich nebeneinander gesetzt, beginnen Wurzeln, Steine, Muscheln und Bilder das Zwiegespräch, in dessen urgündigem Murmeln die Naturbildungen und die Bilder einmal erlauscht und geschaut worden sind, ohne dass eins das andere bedingt; beide sind aufgestiegen aus dem Anlitzlosen, Wesenlosen, Wortlosen. Jeitner erzählt vom Entdeckungsprozess, als sie einzelne Wurzeln zur Hand nahm und hierher ins Loewig-Haus trug: „Es war von magnetischer Kraft, was mich zu den Bildern zog.“ Nun dürfen sie als Findwerk wieder ihr Eigenleben führen, dürfen aufweisen und wirken.

Auch das gefundene Kruzifix auf dem abgescheuerten Stuhl im letzten Raum hat ein solches Eigenleben, von ihm scheint magnetische Kraft auszugehen. Es liegt still hingebreitet im Schlafraum von Loewig, im Wachraum seiner schlaflosen Nächte. Die erhobenen Arme in ihrer Segensgeste von edler Art, abhandenes Kreuz und bröckelnden Lack und Rost und Draht vergessen machend, und auch das schmerzhafte Verworfensein. Das Segnen in diesen Armen und Händen bleibt. Loewig stand oft in anderer Erfahrung, das Zeichen wurde ihm nicht Weg, er war irgendwann müde vom Verworfensein, vom Kranksein, vom Schauenmüssen, und er zeigt sich seiner Gefährtin Crescentia im Halbporträt, gezeichnet auf ein papierenes Segel, aufgehängt an einem Baum, ein Gesicht, das sich von unten her aushaucht, das von Kinn und Mund her schon verschwebt, die Augen nur noch ahnbar. Wiederum: Memento mori. Darauf antwortet Christa Jeitner erneut mit Epitaphien, zwei namenlosen in diesem Fall. Da liegt ein Laken, oder ist es ein Leichentuch? Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub, die Handvoll Erde ist bereits geworfen. Das die Türfüllung verhängende Faden- und Flickwerk – man weiß kaum noch, was ist ursprünglich, was nur aufgesetzt, gibt es überhaupt noch den Grund-Stoff, oder ist er schon gänzlich zerschlissen? – zieht noch einmal meinen Blick auf sich: Abgelebte Stoffe, dünngewetzt von sich umarmenden Liebenden, von sich wälzenden Schläfern, von sich durchliegenden Kranken, von rastlos kämpfenden Sterbenden. Das ganze Leben des Menschen dahinein geheftet, auch das, was in den Zeilen war und aus der Ledertasche rutschte, mit allem, allem, was unseren winzigen Daseinsaugenblick in Ewigkeit betört, von A bis Z, von Alpha bis Omega. Bilden diese Flicken gar ein helles Kreuz auf hellem Grund?

Das letzte Wort nach dieser offenen Frage soll wiederum Roger Loewig haben. Ein Gedicht aus dem Jahr 1971, das ich Christa Jeitner verdanke, lautet:

O wie ich mein Land liebe

Das liebe
Das mich nicht braucht
nicht haben darf
nicht bergen kann

o gott bist du

ich weiß
du bist nicht
heut nicht
morgen nicht
gestern nicht

in auschwitz nicht

und überall nicht

und trotzdem

wenn ich mein land sehe
jetzt im herbst

dann im nordwindeis
im frühling
im sommer

– zeichnungen bilder
und gedichte
die ich nie vermocht –

magst du sein

Susanne Weichenhan, Potsdam

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