Ausstellungsrundgang

Vehikel mit Molle. 2012

Das Leinenstück mit seinen Säumen und ausgerissenen Rändern. Mögen die Nähte währen. Jede, so mühsam sie zu stechen ist, verstärkt das entstehende Ganze und lässt es mehr und mehr aufscheinen. Jede trägt dazu bei, es ein mögliches Stück Wirklichkeit werden zu lassen. Ich freue mich an jedem Zustand, an jedem entstehenden Teil und gleichzeitig am Fortgang, der sich erst aus dem Entstehenden ergibt und begründet aus dem nun Vorhandenen. Begreifen, was das Stück hergibt und wie dem nachzukommen ist, wie es selber korrigiert – Fehler würden unweigerlich die Authentizität des Leinenstückes stören. Da hat kein Formwille vorzuherrschen! Innerhalb der absurden Gestalt wirken die Gegebenheiten mit ihren Gesetzen: Da ist zu horchen und zu tasten, um zu erfahren wie Fehlschlüssen zu entkommen ist. Wo noch Vorstellungen waren, da sind Abschiede.

Das Ziel des funktional überzeugenden Objektes durchzieht den ganzen Prozess. Erst gegen Ende, als an diesem komplexen Gegenstand nur noch geringfügige Entscheidungen offen sind, senkt sich der Pegel der freudigen Spannung. Meine Zeit mit dem Stück ist abgeschlossen, es ist jetzt für andere da.

Werkstück: Vehikel mit Molle“
„Draht und Denim: Verfestigte Halde“. 2016

Stückwerk. Rückwärts zum polnischen Laken. 2015

In einem Dorf an der Weichsel sah ich das Laken. Die Frau wollte es mir nicht ohne weiteres überlassen. Das grobfädige, aber seidenweiche Leinen war auf bäuerlichem Hauswebstuhl gewebt. Für sie blieb es nutzbar, „man kann Heu darin tragen“ – obwohl auch der große Flicken aus den Randstreifen eines gleichen Lakens bereits schadhaft war.

Statt des Flickens dann mein Torso eines Gequälten,
Wörter für Stationen des Leidens,
darüber ein Stern, bedroht von schwarzer Markierung:
Auschwitzhungertuch. Vor 50 Jahren.
Später der Beschnitt auf drei Seiten.

Heute sehe ich: das Laken selbst ist das Thema!
Meine Eingriffe hatten es entstellt, ich hatte es „benutzt“.
Stich für Stich waren nun die bunten Seidenfäden aus dem Grund zu ziehen; mein eingesetztes Mittelfeld zu entfernen; die noch vorhandenen Teile anzufügen und das mit fühlbarem Aufwand. Schließlich war der leeren Mitte ein Halt zu geben und das einstige Format zu vervollständigen. Ein Prozess: „Rückwärts zum polnischen Laken“, meine Revision.
Ablesbar sind nun Form und Format, die lange Benutzung, schließlich die Spuren meiner Bearbeitung. Die Wiederherstellung verschweigt nichts. Das Laken sagt sich jetzt selber aus.

Das Tuch, darin Heu getragen wurde, hängt im kleinen Stall in Brodowin, der eine Galerie ist. Einige meiner „Werkstücke“ haben daneben Platz gefunden. Mein Thema: der Blick auf den Gegenstand selbst.

Zur Ausstellung gehören die Kurzfilme „Überzüge“ und „Polnisches Laken“ von Serjoscha Karii.

Märkische Oderzeitung. Barnim Echo. 15. Juli 2016

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