Vita und künstlerischer Werdegang

Am 17. Juni 1953 – der Volksaufstand durchzog an jenem Tag Berlin – legte Christa Jeitner die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Ost-Berlin ab, wurde jedoch nicht angenommen. Danach entdeckte sie in den Akten den möglicherweise ausschlaggebenden Vermerk: „… stammt aus kirchlichen Kreisen“. 1954 ließ man sie zum Studium der Grafik zu, sie wurde aber nach dem ersten Studienjahr exmatrikuliert. 1956 nahm sie ein Studium in den Fächern Grafik, Malerei, Textiles Gestalten und Kunstgeschichte an der Westberliner Staatlichen Hochschule für Bildende Künste auf. Im Moment des Mauerbaus 1961 befand sie sich in der DDR, was den Abschluss ihres Studiums unmöglich machte. Sie fand sich, isoliert von persönlichen Beziehungen und der kulturellen Landschaft West-Berlins, in ihrer künstlerischen Entwicklung völlig auf sich gestellt. Nach der Einheit Deutschlands erhielt sie 1996 – angestrengt im Zusammenhang mit ihrer Rehabilitierung – in einem ordnungsgemäßen Diplomverfahren ein Diplom der Kunsthochschule Berlin-Weißensee für Freie Kunst/Malerei.

1961 wurden ihre Werke erstmals ausgestellt, 1963 folgten erste Museumsankäufe und die Beteiligung an der prominenten Ausstellungsreihe „grassi 64 und 65“. Die 1965 mit dem XI. Plenum des Zentralkomitees der SED einsetzende restriktive Kulturpolitik der DDR wirkte sich für Jeitner über Jahre als drastische Ausstellungs­beschränkung im öffentlichen Raum einschließlich in der BRD und in Polen aus (1965-1973: „Das war schon wie ein Ausstellungsverbot“, Fritz Kämpfer, Direktor des Grassi-Museums Leipzig). Seit Mitte der 70er Jahre folgten dann Museumsankäufe und Entwicklungsaufträge (Stipendien), Ausstellungen im In- und Ausland. Zum Gedenken an die 50. Wiederkehr des Datums der Reichskristallnacht/Novemberpogrom inszenierten Christa Jeitner, Manfred May und Friedrich Stachat in der Unterkirche der Französischen Friedrichstadtkirche Berlin mit einem Environment aus ihren Werken einen temporären Gedenkraum. Danach beteiligen sich Jeitner und May mit Installationen unter Glas an der Ausschreibung „Der verlassene Raum – Denkmal für das Wirken jüdischer Bürger in Berlin“ auf dem Koppenplatz. Am 5. Dezember 1989 war Jeitner für die Ausstellung Bildender Künstler anlässlich des Sonderkonzerts zum Gedenken an die Opfer Stalinistischer Verfolgung im Schauspielhaus Berlin verantwortlich und selbst beteiligt mit drei Bannern auf dem Gendarmenmarkt.

Seit 1965 gleichzeitig freiberuflich als Textilrestauratorin tätig (1968 Aufnahme in die Sektion Restauratoren im Verband Bildender Künstler), war Christa Jeitner u. a. über 35 Jahre im Auftrag des Instituts für Denkmalpflege und des Brandenburger Domstifts verantwortlich für die konservatorisch-restauratorische und die wissenschaftliche Arbeit am textilen Brandenburger Domschatz, die sie mit der Konzeption, Projektleitung und als Hauptautorin eines Bestandskataloges abschloss. Dem folgten Forschungen mit zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen vor allem an spätmittelalterlichen Gewändern einschließlich ihres liturgischen Gebrauchs und ihrer geschichtlichen Zusammenhänge besonders in der Mark Brandenburg und in Sachsen. Für das Hauptfach Restaurierungstechnik hatte sie von 1980 bis 1993 einen Lehrauftrag an der HTW (vormals TFH) Berlin sowie 1990/91 einen im Bereich Freie Kunst als Gast an der Universität der Künste Berlin.

Schon während des Studium hatte Christa Jeitner die Nahtzeichnung entwickelt, mit der sie die farbige Linie ihrer Zeichnungen in textilem Material weiterführte und schließlich zu ihrer Darstellungsform machte. 1961 war sie in Zakopane dem polnischen Maler Tadeusz Brzozowski begegnet, der eine beachtete Ausstellung ihrer Grafik in Zakopane arrangierte. Ab 1963 gelangen ihr persönliche Kontakte in Wrocław/Breslau, wo sie insbesondere von Grotowskis Laboratorium-Theater beeindruckt war sowie von Władysław Hasior, dessen große Ausstellung sie damals in Wrocław sehen konnte. Dort lernte sie auch amerikanische Textilkunst kennen, deren Impulse − Elementen ihrer Zeichnungen nahestehend − sie aufnahm. 1968 erweiterte sie ihre polnischen Kontakte auf Warschauer Künstler. Dort war die Textilkunst im Aufbruch zur internationalen Spitze. Die intensive Begegnung mit Künstlern, vor allem mit Wojciech Sadley und auch Werken Magdalena Abakanowicz’s, initiierte den Schritt vom kleinen zum Großformat, von der Fläche in den Raum. Polen, offen für die zeitgenössische Kunst, war das Fenster zur Welt und schloss sie an die internationale Entwicklung an.

In der ersten Hälfte der 1960er Jahre entstanden ihre ersten Assemblagen. Sie verarbeite Stacheldraht, Haar, Lumpen und Brandspuren im Zyklus Ausschwitz-Reliquien von 1964, danach im Auschwitz-Hungertuch. Ende der 1960er Jahre setzten mit Treblinka (1969) und Strom Leben (1976) großformatige, frei im Raum hängende Arbeiten in Garnverknotung ein, die sie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre zu konstruktiv aufgefassten Werken entwickelte: Dreiflüglige Säule (1978); Durchdringung (1978/79). Bis in die 1980er Jahre dominierten Applikationen und Garnverknotungen. Plastische Arbeiten aus Tauverknotungen entstanden danach im Zyklus Takelwerk (1980-1986).

Zu Beginn der 1980er Jahre begann Jeitner wieder auf Papier zu zeichnen. 1982 entstanden Blätter, von denen 55 Federzeichnungen in der Druckerei Graetz unter dem Titel Notizen zu einer Bestandsaufnahme – während des Flächenabrisses von 1982 im Altstadtkern von Bernau als Mappe erschienen in einer Auflagenhöhe von 100 Exemplaren, der Anzahl, die in der DDR ohne Druckgenehmigung Künstlern genehmigt war. Dr. Werner Schmidt erwarb sie für des Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Er schrieb dazu: „Mit Ihren Notizen haben Sie eine wirkende, bewegende Tat vollbracht. Die Mappe ist in jeder Weise so tief und treffend in der Erfüllung von Wünschen, dass man sie ideal nennen kann.“ 1989 gelang ihr die deutsch-polnische Herausgabe von Jan Strzeleckis Erproben im Zeugnis als bibliophiles Buch mit Blättern nach Nahtzeichnungen.

Nach dem zwölfteiligen Zyklus Licht des Nichts (1987-1990) brach Christa Jeitner 1990 ihr künstlerisches Schaffen mit den Applikationen Das war gewesen I und II (1993) ab. Wenig später entstand der von ihr ‚posthum‘ genannte dreiteilige Zyklus Landschaft über Landschaft (1994-1995).

Im Jahr 2006 setzte der Neubeginn ihres künstlerischen Schaffens ein. Im Schaffenskomplex Gegenstände und Flächen, in dessen Fokus Fundstücke stehen, schuf Jeitner nun Objekte und Assemblagen. Sie bezeichnet diese als Werkstücke und Re-Rester.

2007 folgte die Aufnahme einer Auswahl von Arbeiten in die Sammlung der Akademie der Künste, 2016 der Ankauf mehrerer neuer Werke durch das Institut für Auslandbeziehungen.

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